Okay Temiz Magnetic Band
(Istanbul/Türkei)
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OKAY TEMIZ MAGNETIC BAND
Was konnte ein türkischer Musiker mit weltumspannenden Ideen und Idealen, die überdies noch vom Jazz infiltriert waren, Ende der sechziger Jahre in Ankara oder Istanbul machen? Wenig bis nichts. In der Türkei beherrschte eine mehr oder minder originale Folklore mit Popneigung das Musikprogramm, Jazz führte daneben ein Schattendasein, und was heute unter den Schlagworten Ethno- oder Weltmusik ein chartstauglicher Begriff ist, war überhaupt noch nicht "erfunden" worden. Zwar gab es Ravi Shankars "East meets West"-Kontakte mit Yehudi Menuhin, aber der Osten, der dort gemeint war, begann in Indien, auf den näheren Orient waren die Musiker des Okzidents noch nicht aufmerksam geworden.
Der 1939 in Istanbul geborene, in Ankara aufgewachsene und am dortigen Konservatorium ausgebildete Schlagzeuger und Perkussionist OKAY TEMIZ ist ein Musiker, den es früh zu einer Art globaler Musiksprache drängte - fast zu früh, ließe sich vielleicht sagen. So mußte er sich nach seinem Studium denn auch zunächst mit der Arbeit in türkischen Show- und Tanzkapellen durch's Leben schlagen. Nebenbei aber suchte er nach Gleichgesinnten.
Fündig wurde er schließlich im schwedischen Stockholm, und zwar zunächst nicht unter schwedischen Jazzmusikern, sondern unter schwarzen Amerikanern und Afrikanern, die sich dort niedergelassen hatten. Genauer gesagt, wurde OKAY TEMIZ gefunden: Don Cherry, wahrhaft ein Wegbereiter globalen Musikdenkens, wurde auf den türkischen Schlagzeuger mit den ungewöhnlichen Ideen aufmerksam. Der Trompeter Cherry arbeitete damals mit dem südafrikanischen Kontrabassisten Johnny Dyani an einer Verkreuzung südafrikanischer Volksmusik und ihren Rhythmen mit Jazzstatements. Temiz fügte dem noch eine orientalischen Komponente hinzu. Damit war der Schlagzeuger aufgenommen in einen ziemlich illustren Kreis, zu dem Musiker wie Mongezi Feza, Chris McGregor, Dudu Pukwana, Harry Miller (also ein Gutteil von McGregors "Brotherhood of Breath") sowie Palle Danielsson und Charlie Mariano gehörten, die auf die eine oder andere Weise Melodien und Rhythmen aus der ganzen Welt in den Jazz einbrachten, Jazz dabei ebenfalls weit interpretierten - bis hin zu extremem Free Jazz.
OKAY TEMIZ ließ sich in Schweden nieder, stieg in der türkisch-schwedische Band SEVDA ein, die in ganz Skandinavien sehr populär war und formierte schließlich seine eigene Band ORIENTAL WIND, die es bald in zwei verschiedenen Ausgaben, nämlich einer "schwedischen" und einer "türkischen", gab. Rückblickend wagte TEMIZ mit dieser Band erste vorsichtige Schritte auf ein Neuland, das erst sehr viel später ausführlich erforscht wurde: Das Ausgangspunkt dieses Ethno-Jazz, der damals nur noch nicht so tituliert wurde, war Jazz; die Einbindung ungewöhnlicher Metren (türkischer oder allgemein arabischer) ordnete sich dem Jazzaspekt unter. Allerdings konfrontierte OKAY TEMIZ bei ORIENTAL WIND immer wieder schwedische und türkische Musiker miteinander, ließ diese sie sich mit ihren unterschiedlichen musikalischen Vorstellungen aneinander reiben.
Aber in dieser Anfangszeit fand noch kein selbstverständlicher und genuiner Verschmelzungsprozeß statt. Wer Aufnahmen aus jenen Tagen von Don Cherrys 'Eternal Rhythm Orchestra', von McGregors 'Brotherhood of Breath' oder eben TEMIZ' ORIENTAL WIND hört, dem wird der noch vorsichtig suchende Umgang mit den "Fremdmaterialien" auffallen, die Fusion zum Ethno-Jazz hatte noch nicht stattgefunden. Andererseits haben die Aufnahmen vom Anfang bis zur Mitte der siebziger Jahre (auch die deutsche, von der Rockmusik kommende Gruppe Embryo und die finnische Band Piirpauke sind in diesem Zusammenhang zu erwähnen) eben ihren Reiz auch gerade in diesem forschenden und deshalb eminent sensitiven Umgang mit den Zutaten: Mal äußerst fragil, wie über eine dünne Eisschicht gleitend, wird mit den Klängen und Rhythmen balanciert, mal prallen die Gegensätze auch kompakt polternd aufeinander. Hier wurde voller Pioniergeist und Neugier Neuland betreten, und das hört man den frühen Aufnahmen von ORIENTAL WIND an.
Zur Kernmannschaft von ORIENTAL WIND gehörten für längere Zeit der schwedische Reeds-Spieler Lennart Åberg und der türkische Ney-Spieler Haci Tekbilek. Daneben aber tummelten sich zahllose namhafte Musiker wie Johnny Dyani, mit dem TEMIZ auch Duo-Aufnahmen gemacht hatte, oder der ehemalige Embryo-Gitarrist Roman Bunka, um nur zwei zu nennen, in der Band des Schlagzeugers, der sich längst auch die Perkussionsinstrumente der Welt (darunter die Berimbau aus Brasilien, die er heute noch in einer E-Version spielt) erobert hatte. ORIENTAL WIND wurde zu einer Art Sprungbrett für OKAY TEMIZ, denn damit reiste er kreuz und quer durch die Welt, gastierte in Indien (wie 1980 bei Jazz Yatra Festival in Bombay), trat in ganz Europa bei Festivals auf und machte sich einen klangvollen Namen. Das wiederum ließ ihn langsam, aber sicher zu einer Perkussion-Institution werden: Sobald es um komplizierte Zählzeiten geht, ist der an 9/8 und 13/8 gewöhnte OKAY TEMIZ ein gerngesehener Lehrer bei Workshops und Kursen. Bei solchen Workshops traf er nicht selten auf Geistesverwandte wie den Inder T.A.S. Mani vom Karnathaka College of Percussion oder den "Worldbeat"-Verfechter Doug Hammond.
Bis heute ist OKAY TEMIZ seinen Idealen einer Orient-Okzident-Fusion treu geblieben, obwohl ORIENTAL WIND heute nicht mehr existiert. Vor drei Jahren erschien - gewissermaßen mit "Pauken & Trompeten" (oder korrekter: mit "Davul & Zurna") - das Album KARSILAMA, das TEMIZ mit vier Zurnabläsern zu kraftvollen Perkussionen aufgenommen hatte. Die Zurna ist ein eminent durchdringendes Schalmeieninstrument mit einem Klang irgendwo zwischen Trompete und Klarinette, das im arabischen Raum verbreitet ist, sich aber auch im Gebiet zwischen Balkan und Schwarzmeer in Folkloregruppen wiederfindet. TEMIZ nutzt die Grenzen überwindende (und zwar musikalische wie politische) Tradition dieses Instruments, um in eine allgemein-musikalische Diskussion des Südostens Europas einzusteigen, die inhaltliche Nähe und gewisse Unterschiede heraus arbeitet. Ähnliches hat er schon 1995 in Finnland mit seiner MAGNETIC BAND, einem skandinavisch-türkischen Quintett, getan: Auch hier treffen die Klangfarben des Orients (das türkische Hackbrett Kanun und die türkische Laute Oud) auf westliche (Jazz-)Instrumente wie Trompete, E-Bass und TEMIZ' Perkussionsinstrumente aus aller Welt, um in einem halsbrecherischen Rhythmus-Slalom eine Fusion aus der Musik des Balkan und des türkisch-arabischen Raums mit Jazz, Rock und Latin zu erreichen: ein ideal gesteckter Kurs für den meisterlichen Schlagzeuger!
Seine MAGNETIC BAND ist gewissermaßen die konsequente Fortsetzung des ORIENTAL WIND-Gedankens mit anderen Mitteln. So bewegen sich die zwölf Stücke der vorliegenden CD einerseits weiter auf dem schon mit ORIENTAL WIND eingeschlagenen Weg, verquicken also improvisatorische, vom Jazz inspirierte Ideen mit traditionellen, "krummtaktigen" Themen. Zugleich aber ist OKAY TEMIZ roots-bewußter geworden, denn inzwischen hat er auf seinem Weg noch ein paar Fußpfade gekreuzt, die Spuren hinterlassen haben: Eine gewisse folkloristische Balkan-, Gipsy- und Klezmermotivik ist nicht zu überhören, und insgesamt tritt der Bezug zur Folklore exakt an der Grenze von Orient und Okzident - und damit auch und gerade solcher aus der Türkei - stärker hervor. Über die Jahrhunderte hinweg sind hier im fröhlichen Grenzverkehr musikalische Gedanken ausgetauscht worden: So ist bei Stücken wie "Çökertme" oder "Gayda" kaum noch zu definieren, ob ihre Wurzeln ursprünglich tatsächlich türkisch sind, und sie anschließend in der Musik des Balkan verarbeitet worden sind, oder ob es sich genau umgekehrt verhält. "Kürdali" wiederum könnte genau so gut aus dem Repertoire einer Gipsy-Brass-Band aus Rumänien oder der Walachei stammen, während wir bei "Kemalpasa Çiftetelli" einer "sprechenden" Klarinette wie in der Klezmermusik begegnen. Praktisch zu jedem Stück dieser CD lassen sich derartige Querbezüge herstellen: Bei dieser aufregenden Forschungsreise in musikalische Grenzgebiete kann jeder Hörer seine eigenen Entdeckungen machen!
(Christian Emigholz)
Discography
Magnetic Orient (2002) JARO 4244-2 / Okay Temiz Magnetic Band