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Instead of making children

//Instead of making children

Instead of making children

16,00 

Besprechung zur CD im CONCERTO: „ […] Das Moscow Art Trio hat mit seiner skurrilen Klangkreuzung aus Jazz, Folklore und Avantgarde einen Klangkosmos geschaffen, den niemand in diesen zwei Dekaden kopieren konnte. […] Ein brillantes, ein meisterliches, ein höchst interessantes musikalisches Erlebnis.“ Vergessen Sie alles, was Sie bisher gehört haben!!!

Beschreibung

Die Geburt des Moscow Art Trios ging stufenweise vor sich: vom Solo zum Duo, von diesem zum Trio. Es hat anscheinend etliche Jahre gebraucht, bis ich für die Begegnung mit Arkady und Sergey reif war. Man sagt, Bäume blühen erst dann, wenn ein Überschuß an Energie produziert ist. Ähnliches scheint für mich gegolten zu haben. Ich war voller musikalischer Ideen. Brannte darauf, sie irgendwem mitzuteilen. Sie ließen mich schon gar nicht mehr ruhig schlafen …

Eines schönen Tages saß ich in meiner Moskauer Parterrewohnung am Klavier und übte. Es war Sommer, das Fenster geöffnet. Irgendwann spürte ich: Draußen steht jemand. Ich blickte hinaus und sah einen jungen Mann mit Fahrrad, ein Kind auf dem Sattel, Mund (des Mannes) weit offen. „Wer bist du denn?“ fragte ich. „Musiker!“ lautete die Antwort. „Hornist am Bolschoi-Theater. Ich hab im Vorbeigehen die seltsame Musik gehört und gedacht: Das muß ich mir näher anhören.“

Danach haben wir einander ein paarmal im Konzert gehört, und kurze Zeit später kam unser Duett in Gang – beziehungsweise zum Tanzen. Das Horn frappierte und faszinierte mich. Nie zuvor hatte ich etwas für dieses Instrument geschrieben. Arkadys Spiel eröffnete mir eine Welt von Möglichkeiten, die ich Bläsern bis dahin schlicht nicht zugetraut hatte. Inzwischen spielen wir schon zwanzig Jahre zusammen; ich darf sagen, daß wir in dieser Zeit Freunde geworden und geblieben sind (eingedenk der Tatsache, daß eine Freundschaft nicht nur aus Festen besteht). Das erste, was wir tun, wenn wir uns länger nicht gesehen haben: Einer erzählt dem anderen die Witze, die er in der Zwischenzeit gehört hat. Das scheint uns manchmal wichtiger als die eigentliche Probe. Ein paar Stunden Gelächter, und wir sind als Duett wieder in Form.

DIE ZEUGUNG

Die Zeugung des »Moscow Art Trios« erfolgte durch die Wand eines deutschen Ferienbungalows am See. Es geschah Ende der Achtziger, beim letzten sogenannten Festival der deutsch-sowjetischen Freundschaft in der Geschichte der DDR, zu dem ein Großteil des kreativen Potentials aufgeboten war, das die Avantgarde der sowjetischen Kultur damals ausmachte. Ich lag friedlich auf meinem Bett und relaxte, als plötzlich jemand nebenan einen wilden, rhythmischen Gesang anstimmte, der nach Folklore klang. Außerdem meinte ich einen ganzen Chor singen zu hören. Nun war an Schlaf freilich nicht mehr zu denken. Ich klopfte

an des Nachbars Tür und stellte ihn gereizt vor die Alternative: Entweder er gab Ruhe, oder wir versuchten etwas Gemeinsames auf die Beine zu stellen. Fünf Minuten später raubten wir den übrigen Bungalowbewohnern den Schlaf …

Jene erstaunliche Nacht, die gellenden Folklorestimmen und Sergey Starostins Stimme darüber haben sich meinem Gedächtnis unauslöschlich eingegraben. Der Überschwang des Festes, gepaart mit jahrhundertealter Melancholie – diese Ambivalenz war es, die mich an ihm beeindruckte und die mir heute als eine besondere Qualität der Folklore an ganz verschiedenen Punkten der Welt immer wieder begegnet. Da ist der Tanz erfüllt von Trauer, und die Trauer tanzt …

Das war natürlich der Moment des Erwachens! In jener Nacht hat die Zeugung stattgefunden – was uns in dem Moment nicht klar war, aber so ist es ja immer. Jedenfalls stand schon am nächsten Morgen fest, daß Sergey Starostin sich dem bestehenden Duett mit Arkady Shilkloper anschließen würde. Und eine Woche später waren wir in einem Moskauer Studio und probten zu dritt. Zu dem Zeitpunkt stand die Geburt zwar erst noch bevor, doch alle Anzeichen einer Schwangerschaft waren unseren Gesichtern abzulesen …

EIN ZUFALL, DER KEINER WAR

Ich hatte wirklich Glück. Dem Himmel sei Dank für diesen neuen Freund und Lehrmeister! Heute weiß ich: Ein so lebendiger Quell wie die Folklore läßt sich weder in den Mauern eines Konservatoriums noch von Archivbändern – und seien es die einzigartigsten Zeugnisse der Tradition – wirklich erfahren. Nur in der lebendigen Zwiesprache mit einem „sprudelnden“ Menschen ist dieser besondere Durst, die Sehnsucht nach dem Zeitlosen, zu stillen. Folklore wurde niemals geboren und hat darum den Tod nicht zu befürchten. Und jedes empfängnisverhütende Mittel erweist sich als wirkungslos …

DIE GEBURT

Es war der 5. Juni 1990, zu vorgerückter Stunde. Wir – Misha, Arkady und Sergey – wurden beim Ersten Internationalen Moskauer Jazzfestival auf der Bühne des Teatr Estrady als Trio geboren. Hat ja gar nicht wehgetan! Am selben Tag kam übrigens auch meine einzige Tochter Ksenia zur Welt.

Das Baby in Triogestalt wuchs und gedieh von Tag zu Tag, ach was: von Stunde zu Stunde. Ein musikalisches Laboratorium war im Entstehen, worin wir so ungehemmt, in grenzenloser Neugier experimentierten wie die Gaukler und Alchimisten in früheren Tagen.

Was uns vorschwebte, war eine Kreuzung von Äpfeln und Birnen: Der Apfel war der Jazz, sein Kerngehäuse die klassische Komposition – und die authentische Folklore bot sich als Birne an. Manch einer hielt das für eine Schnapsidee: Temperiertes Klavier und untemperierte Vokalstimme seien sich von Natur aus fremd, könnten nie und nimmer zusammenkommen, so hieß es.

Dieser Meinung war damals auch der Produzent Manfred Eicher von ECM Records, als er unsere Aufnahmen aus den Osloer Studios verwarf. Vielleicht hatte er nicht ganz unrecht – doch unser „kindliches“ Gemüt aus Trotz und Intuition beharrte auf der Möglichkeit. Wir gaben nicht auf: probierten, komponierten, gingen auf Tournee und ins Studio. Und am Ende zeigte sich, daß wir richtig damit lagen. Was vor fünfzehn Jahren noch als Experiment galt, ist heute längst Konvention. Unsere Musik ist derweil schon wieder eine andere. Man hat sich eben weiterbewegt, so wie die Welt um uns auch. Mittlerweile leben wir in verschiedenen

Ländern; nur Sergey Starostin ist Moskau treu geblieben. Den Namen Moscow Art Trio haben wir trotzdem beibehalten, er gehört nun einmal zu uns.

Apropos: der Name! Das war nicht unsere Idee. Anfang der Neunziger, wir waren gerade auf Tournee, hing am Eingang des Klubs einer deutschen Kleinstadt, wo wir am Abend spielen sollten, ein Plakat, auf dem stand: Moscow Art Trio in Concert. Wir waren zutiefst überrascht – und hocherfreut zugleich, denn nun mußten wir uns den Namen nicht mehr ausdenken. Zumal dieser Veranstalter es nicht übel getroffen hatte: Der Name widerspiegelte unsere musikalische Ästhetik perfekt.

 In letzter Zeit sehen wir drei uns leider nur noch selten. Das betrübt! Im Scherz nennen wir uns schon manchmal das Moscow Arthritic Trio. Was aber nicht heißt, daß die Lust am Pfriemeln und Propfen, die Hobbyzüchterleidenschaft unserer kleinen „Mitschurin-Brigade“ aus den Anfangsjahren, verflogen wäre.

Immer noch suchen wir die kindliche Freude am Klangexperiment mit der stillen Weisheit der Alten unter einen Hut zu bekommen. Das ist nicht immer ganz einfach – doch es macht unser kleines Musiktheater mit Namen Moscow Art Trio unverwechselbar.

INSTEAD OF MAKING CHILDREN

Vorliegendes Programm war nun wirklich eine lange Geburt: Konzipiert und entwickelt in den Jahren 2002/03, gewann es erst im September 2005 seine endgültige Gestalt. Und ich stand bei dieser Geburt eher daneben: als die geduldige Hebamme, die manchmal recht lange auf die nächste Wehe zu warten hatte. Das Programm kommt nun beinahe ganz ohne traditionelles Liedgut aus. Die Texte zu den allermeisten Kompositionen stammen von Sergey Starostin.

Daß das Trio zwischen 2003 und 2005 kaum aufgetreten ist und auch nicht proben konnte, hat an mir und meiner Krankheit gelegen. Der liebe Gott bescherte mir eine harte Prüfung, die nicht zuletzt eine gute Lebensschule war. Im Laufe dieser beiden Jahre lernte ich das Leben nicht mehr nur als die tote Zeit zwischen Auftritt und kreativer Arbeit sehen, sondern als ein großes „Feenmärchenfestival“ mit einer unüberschaubaren Fülle an Details, bei dem auch Schmerz und Unbehagen als Kontrastfarben unverzichtbar sind.

In dieser „triolosen“ Zeit haben wir uns sehr nacheinander gesehnt; vielleicht ist uns das jetzige Programm deshalb so ans Herz gewachsen. Wie gut, daß wir wieder beisammen sind! Demnächst, im Jahr 2006, werden wir jeder fünfzig – was zusammen ehrbare einhundertfünfzig Jahre ergibt. Ich denke, in so einem Alter sollte man eine Platte herausbringen dürfen, die »Instead of Making Children heißt«.

Misha Alperin,

Oslo, 20. Oktober 2005

 

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